Personen | Beitragende | Gerda Baumbach

Das doppelte Echo Guglielmos oder Meyerholds Rückruf

 

Seit 1914 führte Vsevold E. Meyerhold unter den von ihm formulierten Gesetzen der Theaterkunst auch ein »Guglielmo-Gesetz«. Der geforderte »neue alte Akteur« gelange zu den Reizen des szenischen Rhythmus unter anderem durch die Befähigung, seine Körperbewegungen mit dem Raum zu koordinieren, in dem er spielt. Meyerhold fing mit seinem Gesetz das Echo eines frühen Tanztraktats des Quattrocento ein. Im historischen Kontext gesehen bezeugt aber die Stimme von Guglielmo Ebreo da Pesaro die frühneuzeitliche Reduktion von Praktiken des Bewegungskörpers auf eine Kunst. Daher hätte Meyerhold das Echo verschmähen müssen, arbeitete er doch an der Aufhebung dieser Reduktion, indem er Praktiken rückzurufen suchte, die von ihr nicht ergriffen waren. Im Kern geht es um ein einziges humanissimo oder um einen Diskurs der humana. Hierin überkreuzen sich gleichsam die als Kunst konstruierten vorausweisenden und die rückrufenden artifiziellen Körperbewegungen ebenso wie sich Grazie, Harmonie und Groteske, aufrechter Gang und Gehen auf vier Pfoten, ›natürlich‹ und ›unnatürlich‹ überkreuzen. Meyerholds Rückruf einer »rhythmischen Existenz in der Raum-Zeit« kontrapunktiert das Echo Guglielmos, aber an einer historisch maßgeblichen Kreuzung der artes.

 

Prof. Dr. Gerda Baumbach, Theaterhistorikerin, lehrt als Professorin an der Universität Leipzig. Sie ist Autorin bzw. Herausgeberin der Bücher »Seiltänzer und Betrüger? Parodie und kein Ende« (1995), »Theaterkunst & Heilkunst. Studien zu Theater und Anthropologie« (2002), »Schauspieler. Historische Anthropologie des Akteurs. Band 1 Schauspielstile« (2012) und hat zahlreiche Beiträge zu Theatergeschichte, Theatertheorie und Theateranthropologie verfasst, u. a. zu Schauspielkunst, Maske, traditionellen Theaterfiguren und nicht zuletzt zu Meyerhold. Seit 2009 gibt sie die Reihe »Leipziger Beiträge zur Theatergeschichtsforschung« heraus.