Personen | Beitragende | Jeanne Bindernagel

Der doppelte Körper Freuds: Strategien der (Selbst)Verschriftlichung in den Fallstudien der Hysterie

 
In den Studien über Hysterie (1895) entwickelt Sigmund Freud einen Gegenentwurf zu einem Konzept des spektakulären weiblichen Körpers im Ausnahmezustand, wie er in den medizinisch-photographischen Angängen Jean-Martin Charcots in der Salpêtrière zur Darstellung gebracht worden war. Im theoretischem Entwurf und der Niederschrift der therapeutischen Begegnungen mit den Hysterikerinnen nimmt Freud in vielfacher Hinsicht vorweg, was Georges Didi-Huberman 1982 als »Erfindung der Hysterie« im und durch das Medium der Photographie dekonstruktiv analysieren sollte.
Gleichsam ist in einer neuerlichen Lektüre der Fallgeschichten das »Nachleben der Bilder« (Didi-Huberman) auch im Denken der Psychoanalyse deutlich verspürbar und manifestiert sich nicht zuletzt dort, wo Freud sich selbst als scheinbaren Beweis von Authentizität in den Text einschreibt. So wird hier eine Form der Erinnerungsarbeit virulent, die ihre eigene Medialität verhandelt und der der Hysterie eigenen Behauptung körperlicher Präsenz den Text als theatrales Verfahren gegenüber stellt, das den Körper als Effekt eines Schreibprozesses erscheinen lässt.

 

Jeanne Bindernagel hat Theater-, Sprach- und Erziehungswissenschaft in Leipzig und Paris studiert. Sie ist Mitarbeiterin am Institut für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig und promoviert seit 2011 als Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt derzeit auf der Erarbeitung eines kulturwissenschaftlichen Hysteriebegriffs, der eine durch die Philosophie Gilles Deleuzes sowie aktuelle Diskurse zur Theatralität angeregte Lektüre der Fallstudien Sigmund Freuds enthält.
Sie arbeitet zur Ästhetikgeschichte der Psychoanalyse sowie zu filmischen und theatralen Praktiken in der deutschen und französischen Nachkriegsgesellschaft hinsichtlich deren Bedingungen von Gedächtnis, Trauma und Gender.