Personen | Beitragende | Lars Krüger

Endlich leben. Heiner Müllers Theater der Zukunft

 

Ich werd euch sagen, was ihr seid/
Jeder sein eigenes Gespenst, das seid ihr

 
In Heiner Müllers Der Bau wird der Ort der Gegenwart von anderen Zeiten heimgesucht. Die Brigade des Betonierers Barka wird zum Kraftzentrum einer Industriebaustelle. Obwohl es sowohl an planerischer Kompetenz wie an Material fehlt, bewerkstelligen sie den Bau zweier dringend benötigter Kraftwerke. Für eine bessere Zukunft tanzen sie den »Tanz der Steine«, dem Mangel des gegenwärtigen Lebens abzuhelfen – Geschichte wird gemacht. Mitten im Drama, das von der Faszination getrieben ist, sich der Dauer des Steinernen anzuverwandeln, organisiert der Text den Exzess der Endlichkeit: Den historischen Fortschritt treibend, werden sie von der Einsicht befallen, bald selbst Geschichte zu sein.
Im Text vollziehen sich widersprüchliche Bewegungen, die das Regime der Jetztzeit unterlaufen und aussetzen. An der Grenze zum Anderen arbeitet Müller an einer Ethik des »endlich leben«: der Forderung einer Haltung, die sich angesichts des unaufhebbaren singulären Todes an das Kommende veräußert. Welche Herausforderung und welches Potenzial an jede TheaterGemeinschaft daraus erwächst, davon möchte dieser Beitrag sprechen.
 

Lars Krüger arbeitet als Dramaturg und Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit am Theater der Jungen Welt in Leipzig. Seit 2007 bietet er regelmäßig Lehrveranstaltungen am Institut für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig an. Von 2008 bis 2011 war er Mitarbeiter von Prof. Dr. Günther Heeg und Prof. Dr. Patrick Primavesi am Institut für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig. Dort war er u.a. von 2009 bis 2010 Koordinator des SFB-Antragprojekts »Kulturelle Flexionen« unter der Leitung von Prof. Dr. Heeg. 2012 war er Mitinitiator des Symposiums »Theater und Geschichte« am Theater an der Ruhr in Mülheim. Forschungsschwerpunkte sind die Theatertexte Heiner Müllers, Theater/Gemeinschaften und die Historiografie der Künste.