Projekt │Symposium│Projektskizze

Projektskizze

Die Nymphe Echo ist im antiken Mythos eine begabte Erzählerin, der wie so vielen ein grausames Los widerfährt: Ihr wird die eigene Begabung zum Verhängnis und – in der mythischen Logik – zum ewig dauernden Schicksal. Weil sie Juno/Hera durch ihren Wortschwall von den Amouren ihres Gatten Jupiter/Zeus ablenkte, wird sie mit dem Entzug der eigenen Rede bestraft: Nurmehr fähig, die letzten Worte ihres Gegenübers zu wiederholen, ist sie verdammt zum ohnmächtigen Widerhall fremden Ausdrucks. So wird die Nymphe Echo von Anbeginn zum Sinnbild eines defizitären, vom Anderen abhängigen Wesens. Darin taugt sie, im Gegensatz zu Narziss, wie Winfried Schindler ausführt, unter keinen Umständen als »Erkennungsmythos des Abendlandes«, auf den man zur Selbsterklärung leichterhand zurückgreifen würde. Es fehlt ihr das vermeintlich Originäre. Doch birgt der Widerhall in sich mehr als die reine Wiederholung des Vorgängigen, mit Derrida gesprochen verweist er auf das Moment der Verschiebung und Zergliederung eigentlichen Ausdrucks, des Widerstands innerhalb der Iteration. In der zunehmend körperlosen Stimme der Echo, die durch die verschmähte Liebe des Narziss in die Versteinerung getrieben wird, scheint all das auf, was das Wiederholte als Wiedergeholtes nicht mehr zu verdecken vermag: das Entgleiten des Sinns, die Position der Sprechenden, die Medialität der Kommunikation, die Rauheit der Stimme, die Ambivalenzen der Aneignung, die Grenzen der Mitteilbarkeit und das Risiko der Endlichkeit. Echo lässt sich entsprechend nicht allein als unwillentliche und unmittelbare Reaktion verstehen, sondern drängt sich durch die darin wirkenden Praktiken der Wi(e)der-Holung ebenso als eigene Praxis spürbar auf.

In gegenwärtigen künstlerischen Produktionen und wissenschaftlichen Reflexionen ist der Nachhall der Echo deutlich zu vernehmen, wenn in Praktiken des Re-Enactments der Einstand der Geschichte in der Gegenwart geprobt wird, wenn die Erzählenden ihren Platz in der und den Geschichte(n) aufs Neue einfordern, wenn die Medialitäten des Materials in den Vordergrund rücken, wenn die vielfältigen Bewegungen der Wiederkehr die Produktions- wie auch die Rezeptionsprozesse durchdringen und herausfordern, wenn sich die Mittelbarkeit als ambivalente Mitteilbarkeit zu erkennen gibt. Für das wissenschaftliche und künstlerische Aufspüren von dieserart Irritationen und Versetzungen können uns die Stichworte Echolot, Echogramm und Echolalie, die ausdrücklich Anleihen bei (medizinischen) Störungsphänomenen aufweisen, als Anhaltspunkte und Ausgangsorte dienen:

Echo/Lot – Widerhall der Geschichte umfasst Themenfelder wie die Wi(e)der-Holung und die (traumatische) Wiederkehr, die Gegenwärtigkeit des Vergangenen und die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen, künstlerische Historiografie(n) und die Kunst der Geschichtsschreibung;

Echo/Gramm – Mediale Praktiken rückt die materielle Verfasstheit der Medien, die medialen Bedingungen der Möglichkeit von Geschichte(n) und Erzählung, intermediale Konstellationen und Figurationen von Anrufung und Widerhall, von Sprechen, Schreiben, Zeigen und Evozieren in den Blick;

Echo/Lalie – Ich und der/das Andere wendet sich Fragen der Mitteilbarkeit, des Begehrens und der Verweigerung, der Gemeinschaft/communitas und den Herausforderungen des »endlich leben« zu;

Echo/Loge – Strategien der Anrufung markiert die/das Echo auf der Bühne und in der Öffentlichkeit als Figur der Doppelung, der Potenzierung und nicht zuletzt der Herausforderung für künstlerisches Handeln.

Wir möchten auf diesem Symposium einem lebendigen Austausch von Theorie und Praxis nachgehen, uns somit der Arbeit zwischen den Disziplinen beziehungsweise in wechselseitiger Reflexion von Wissenschaft und Kunst widmen, um der Vielgestalt der Praktiken der/des Echo gegenwärtig Stimme(n) zu verleihen. Zum selbstverständlichen Erkennungsmythos wird Echo sich dadurch wohl nicht wandeln, aber bestenfalls werden sich – dem mythologisch alternativen Ende der Echo folgend, in dem der verschmähte Pan die Nymphe durch panisch aufgehetzte Hirten zerreißen und in alle Winde verstreuen lässt – die ambivalenten Potenziale dieser Zerrissenheit auffächern und erfahrbar machen lassen.

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